Schon seit Langem werden politische Diskussionen nicht nur noch im Parlament oder in TV-Debatten ausgetragen. Auch der Wahlkampf findet längst nicht nur noch in den Fußgängerzone mit Plakaten, Flyern und Luftballons statt, sondern auch im Internet. Besonders Twitter hat sich hierbei als Plattform der Wahl für viele PolitikerInnen herauskristallisiert. Nicht überraschend also, dass auch Ex-Präsident Donald Trump die vergangenen vier Jahre jede seiner Entscheidungen über diese Plattform verbreitete und kommentierte – teilweise sogar bevor ein offizielle Verkündung durch das Weiße Haus erfolgt war. Doch ist Trump längst nicht der einzige Politiker, der Social-Media für sich entdeckt hat.
So spielt auch in den deutschen Parlamenten die App mit dem weißen Vogel auf blauem Hintergrund eine große Rolle. Im Folgenden möchten wir das Twitterverhalten der Abgeordneten aus Bundestag und den einzelnen Landtagen analysieren, um festzustellen, wie populär Twitter in den einzelnen Parteien ist und welche Themen dort diskutiert werden. Für unsere Twitter-Recherche haben wir uns auf die DBoeS-Liste des Leibniz-Institut für Medienforschung bezogen. Diese beinhaltete für jeden Abgeordneten den dazugehörigen User-Name auf Twitter, vorausgesetzt die jeweilige Person hat einen Account. Alle weiteren Daten konnten wir uns nun mit der Twitter-API ziehen und anschließend mit R grafisch auswerten.
Unsere erste Auswertung dient zur Validierung unserer Daten, denn nicht alle User-Namen, die in der Liste des Leibniz-Instituts aufgeführt wurden, lieferten uns Daten. Wie aus dem Tortendiagramm ersichtlich wird, scheint ein Großteil der Daten korrekt zu sein und lieferte uns Ergebnisse. Diese konnten auch allen weiteren Auswertungen berücksichtigt werden. Allerdings sind es insgesamt 151 Accounts, die uns keine Daten lieferten. Dies kann verschiedene Gründe haben: Es könnte sich bei dem angegebenen Account um einen älteren und bereits gelöschten Account handeln. Ebenfalls möglich ist, dass einige der Accounts im Privat-Modus sind, daher nicht von uns eingesehen werden können. Ebenfalls kann es sein, dass ein Account falsch geschrieben wurde. Es gibt sicherlich noch einige weitere Gründe, warum wir keine Daten von diesen Accounts bekommen haben könnten, doch das soll nicht zentraler Bestandteil dieser Untersuchung sein.
Wie sich auf den ersten Blick feststellen lässt, stellt die CDU landesweit mit Abstand die meisten Abgeordneten und auch bei den Twitter-Usern hat die Partei von Kanzlerin Merkel die Nase leicht vor dem Koalitionspartner SPD. Allerdings hat die CDU auch den größten Anteil an PolitikerInnen, die nicht auf Twitter aktiv sind. Tatsächlich ist die CDU die einzige Partei, wenn man den kumulierten Wert für „Andere“ außenvor lässt, bei denen die Mehrheit kein Twitter nutzt. Bei der SPD gestaltet sich dies sehr ausgeglichen. Grüne, Linke und FDP haben jeweils einen deutlich größeren Anteil an Twitter-NutzerInnen in ihren Reihen. Auch bei der AfD gibt es einen größeren Anteil an Leuten, die Twitter nutzen. Damit bestätigen sich vermutlich die Vorahnungen vieler, dass die „alteingesessenen Parteien“ sich noch etwas sträuben vor dem Internet, während die „jüngeren“ Parteien dieses bereits deutlich aktiver zu nutzen wissen. Doch sagt einzig der Besitz eines Accounts noch lange nichts über die Nutzung aus.
Obwohl es immer wieder zu Überschneidungen der einzelnen Graphen kommt, lässt sich doch feststellen, dass die Parteien einen ähnlichen Rhythmus haben. Die großen Ausschläge sind bei allen Parteien an der gleichen Stelle. Dieses Phänomen lässt sich mit der Themenlage erklären. Wenn gerade ein Thema heiß diskutiert wird, ist es logisch, dass alle Parteien ihre Meinung dazu abgeben wollen und daher die Anzahl der Tweets steigt. Besonders auch die Aktivität der eher selteneren NutzerInnen dürfte hier entscheidend sein. Während die PolitikerInnen, die ohnehin viel tweeten, ihre Frequenz vermutlich recht stabil halten können, sorgen Tweets von weniger aktiven PolitikerInnen für den Ausschlag nach oben und umgekehrt nach unten.
Bei dem Vergleich der Parteien lässt sich schnell feststellen, dass besonders Grüne und Linke sehr aktiv auf Twitter sind und das auch über den gesamten betrachteten Zeitraum. Die CDU und SPD, immerhin die Parteien mit den meisten Accounts, tummeln sich im Mittelfeld und weisen ebenfalls keine großen Ausschläge auf. Ganz im Gegensatz zur FDP. Dort halten sich die PolitikerInnen scheinbar eher bedeckt, um dann beim Aufkommen eines Themas ihre Aktivität massiv zu steigern und eine viel Zahl an Tweets loszulassen. Besonders gut lässt sich das Anfang April erkennen. Während zuvor die Anzahl an Tweets stetig nach unten gegangen war und sogar bis auf den vorletzten Platz im Ranking, kam es plötzlich zu einem rasanten Umschwung, der die FDP bis auf Platz drei katapultierte.
Am 21. April wurde im Bundestag über das Infektionsschutzgesetz abgestimmt. Unteranderem ging es auch um die Vereinbarung der Ausgangssperren mit dem Grundgesetz, was die FDP massiv infrage stellte. Dazu entschied sich am 19. April die Grünen dazu, dass Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin ins Kanzlerschaftsrennen starten würde. Einen Tag später zog die CDU mit Armin Laschet als Spitzenkandidaten nach. Dazu sorgte die Korruptionsaffäre rund um die CDU für Aufsehen. Alles in allem sehr turbulente Tage, was sich auch im Twitterverhalten widerspiegelt.
Am wenigsten beeindrucken von der allgemeinen Themenlage lässt sich die AfD, die am konstantesten tweetet. Dass die Partei so weit unten im Ranking liegt, lässt sich mit den vergleichsweise wenigen Accounts begründen. Um so bemerkenswerter ist es, dass der Unterschied zu CDU und SPD eher gering ist, die jeweils mehr als drei Mal PolitikerInnen haben mit einem Twitter-Account. Die Motivation für die große Präsenz dürfte recht einfach sein: Da sich die Alternative für Deutschland häufig unzufrieden mit der Darstellungsweise der „Mainstream-Medien“ zeigt, nutzen die PolitikerInnen gerne, die Dinge ins „rechte Licht“ zu rücken.
Ganz untern in der Grafik verläuft der Graph für „Andere“. Dennoch sollte die Aktivität, dieser Parteien bzw. fraktionslosen AbgeordnetInnen, nicht unterschätzt werden. Schließlich ist die Diskrepanz an NutzerInnen zu den „großen Parteien“ noch deutlicher als bei der AfD. Dass die Aktivität trotzdem noch so hoch ist, lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass diese Parteien in den traditionellen Medien keine besonders große Rolle spielen, da sie sich in einer krassen Minderheit, im Vergleich zu den „großen Parteien“, befinden und daher auch keine allzu gewichtige Stimme in den Parlamenten haben.
Um herauszufinden, welche Themen die einzelnen Parteien verfolgen muss im nächsten Schritt ein Blick auf den Inhalt der Tweets gerichtet werden. Wir haben uns dafür entschieden, die verwendeten Hashtags auszuwerten, da diese als Verschlagwortung und somit thematische Einordnung der Tweets dienen. In der Wordcloud werden die beliebtesten Hashtags der Parteien dargestellt. Die Größe des Worts in der Cloud gibt die Häufigkeit der Verwendung an. Wenig überraschend verwenden die Parteien häufig ihren eigenen Namen als Hashtag – besonders exzessiv betreibt dies die AfD. Auch die anderen Parteien werden häufig erwähnt. Dazu ist auch Corona bei allen Parteien ein dominierendes Thema. Allerdings lassen sich auch Unterschiede herausfiltern. Bei den Grünen, Linken und der SPD ist zum Beispiel der Hashtag „noafd“ recht populär. Bei den Grünen lassen sich zudem viele Tweets zum Klimawandel erkennen: Klimaschutz, Klimakrise, Energiewende und Verkehrswende sind die populärsten Beispiele. Bei den Linken finden sich viele sozial-politische Themen in Hashtags wieder: Mietendeckel, HartzIV, Rassismus, Solidarität. Das gemischteste Bild gibt wahrscheinlich die FDP ab die zwischen Freiheit, Klimaschutz und Digitalisierung auch Schlagwörter wie Trump und Mietendeckel verwendet. Die CDU/CSU vergibt kaum Themenbezogene Hashtags. Eher schwammig sind Themen wie Zukunft, Danke, Politik und Demokratie. Es finden sich allerdings auch thematische Gruppen wie Polizei, Sicherheit und Bundeswehr, allerdings sind dies häufig eher kleine Themen. Auch wenn sie zum konservativen Standpunkt der CDU/CSU passen. Wie bei der CDU/CSU, sind ebenso bei der SPD sind viele Hashtags nicht besonders aussagekräftig. Etwas erstaunlich ist, dass ausgerechnet die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer besonders häufig erwähnt wird und nicht etwa Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Neben einigen Corona bedingten Themen (Solidarität, Kurzarbeit und Lockdown) lassen sich vereinzelt auch andere Themen erkennen, wie zum Beispiel Wirecard. Ein Thema das offensichtlich auf Twitter nur von der SPD aufgegriffen wird. Allerdings könnte es sich hierbei auch um Rechtfertigungen handeln, denn schließlich stellte die SPD zum Zeitpunkt des Skandals mit Olaf Scholz den Finanzminister. Dieser musste sich in diesem Jahr zudem dem Untersuchungsausschuss stellen, gut möglich, dass es daher zu der häufigen Verwendung des Hashtags kam. Bei der AfD wird weniger mit eigenen Themen als mit Feindbildern gearbeitet. Die Regierungsparteien, Merkel und Antifa stechen deutlich hervor. Mit dem Hashtag „Staatsfunk“ wird implizit eine Art Begründung für das massive Twitter-Aufkommen der PolitikerInnen geliefert. Zudem scheint das Schüren von Angst auf Social-Media eine gängige Methode der AfD zu sein: Terror, Geisel, Syrien und Stasi zählen zu dem häufig verwendeten Hashtags. Auch die DDR-Partei SED findet sich häufig in den Tweets wieder. Mit dem Grundgesetz, welches vermutlich in den Augen der AfD häufig mit den Füßen getreten wird, gesellt sich eine weitere prominente Institution zu den beliebten AfD-Hashtags.
Zuletzt wollten wir überprüfen wie sich das Tweet-Verhalten zwischen den einzelnen Bundesländern unterscheidet. Dafür haben wir nur die PolitikerInnen der jeweiligen Landtage bzw. Bürgerschaften berücksichtigt. Gut zu erkennen ist, dass die meisten Tweets aus Berlin (119.768) und NRW (101.184) stammen. Allgemein lässt sich sagen, dass in den eher kleineren Bundesländern weniger getweetet wird, als in den Großen – Berlin als Stadtstaat (und Sitz der Bundesregierung) bildet eine Ausnahme.
Neben der Aktivität der Bundesländer, haben wir auch jeweils die Top drei Hashtags pro Partei nach Bundesland aufgeschlüsselt. Dafür haben wir allerdings nur Hashtags in die Liste mit aufgenommen, die häufiger als 20-mal verwendet wurden und die eingängigen Parteinamen herausgefiltert, um so ein klareres Bild zu bekommen. Neben dem Landesparlament werden auch häufig Städte und Stadtteile erwähnt. In Hamburg ist dies besonders auffällig. Die Grünen verwenden beispielsweise häufig Eimsbüttel als Hashtag. Bei der Bürgerschaftswahl 2020 konnten die Grünen gerade in Eimsbüttel und Umgebung teilweise mehr Stimmen als die SPD erringen und sich als stärkste Kraft im Stadtteil etablieren.
Bei der SPD in Hamburg ist das Hashtag MuslimeFürDeutschland besonders beliebt. Dazu passend ist die Organisation für junge Muslime AhmadiyyaJugend offensichtlich ebenfalls ein Anliegen der Hamburger SPD. Auch in Thüringen scheint sich die SPD für die Jugend auf Twitter starkzumachen. Dort ist der meistverwendete Hashtag FokusJugend. In Bayern hingegen scheint sich die SPD besonders um Niedersachsen und Kaiserslautern zu kümmern, was etwas überraschend sein mag. Auch die FDP-PolitikerInnen werfen den Blick über die Landesgrenzen hinaus. Ihre beliebtesten Hashtags sind China, NRWKoalition und Russland. Darüber hinaus bietet die interaktive Karte noch viele weitere spannende Informationen. Mit einem einfachen Klick auf das jeweilige Bundesland bekommt ihr die relevanten Daten geliefert.
Das Nutzungsverhalten der einzelnen Parteien variiert sehr stark. Die CDU/CSU setzte aufgrund der Masse an PolitikerInnen viele Tweets ab, bleibt jedoch meist oberflächlich. Ebenso die SPD, die einen sehr ähnliche Verlauf vorweist, wie die CDU. Linke, Grüne und FDP tweeten deutlich Themenbezogener. Während die Grünen und Linke ein klares Hauptthema haben, ist die FDP etwas breiter aufgestellt. Dafür gehen die Grünen, dicht gefolgt von den PolitikerInnen der Links-Partei, als aktivste Partei aus unserer Auswertung hervor. Die FDP zeigt die größten Schwankungen in ihrem Tweetverhalten.
Das „Sammelbecken“ Andere ist etwas schwer auszuwerten, da sich da hinter viele kleinen Parteien, so wie fraktionslose Abgeordnete verbergen. Doch lässt sich festhalten, dass es auch hier ein verhältnismäßig großes und konstantes Aufkommen an Tweets gibt, wahrscheinlich um die Plattform Twitter für sich zu nutzen und Aufmerksamkeit zu bekommen, die man aufgrund der eher geringen Relevanz in anderen Medien nicht bekommt. Ebenso konstant tweetet die AfD. Keine andere Partei der Bundesregierung weißt so geringe Schwankungen in ihrer Frequenz vor. An den Themen lässt sich erkennen, dass auch im Internet eher Anti-Kampagnen und Feindbilder heraufbeschworen werden.